5. März 2026

Arm bleibt arm, reich wird reicher

„Arm bleibt arm – reich wird reicher.“ – unter diesem Motto verteilt das KoalaKollektiv Flyer anlässlich der Kommunalwahl in Frankfurt am 15.03.2026. Ein für Frankfurt angepasstes „MAINOPOLY“ Spielbrett verdeutlicht: Auch in unserer Stadt ist Ungleichheit ein Problem. Aber warum eigentlich?

Die Ausgangslage

  • In Deutschland besitzen die reichsten 5 Prozentmehr Vermögen als alle anderen 95 Prozent zusammen.
  • Das ist ein Problem, weil große Vermögen auch große Macht bedeuten.

Warum ist Ungleichheit schlecht für die Demokratie?

  • Demokratie heißt: Jede Person hat eine Stimme – egal wie viel Geld sie hat1
  • Wenn wenige sehr viel besitzen, können sie Politik und Entscheidungen stärker beeinflussen als der Rest2
  • Das nennt man Oligarchie: Die Reichen bestimmen, was passiert.

Folgen der Ungleichheit

  • Viele Menschen (rund 40 Prozent) haben kaum Ersparnisse.
  • Wenn Kosten steigen (Energie, Lebensmittel), geraten sie schnell in Schwierigkeiten.3

Was bedeutet Ungleichheit für die Politik?

  • Politik zu machen kostet Zeit und oft auch Geld. Das können vor allem Personen aus reichen Familien.4
  • Im Bundestag sitzen fast nur Akademiker, sehr wenige Menschen aus Arbeiterberufen.
  • Das führt dazu, dass bestimmte Gruppen weniger gehört werden.5

Wer sind die Superreichen?

  • In Deutschland gibt es kaum offizielle Daten dazu.
  • Viele Vermögen sind älter, oft geerbt – nicht selbst erarbeitet.
  • Forschung zeigt, dass die deutschen Milliardäre wahrscheinlich deutlich reicher sind, als bisher geschätzt.6


Deutschland nennt sich „Leistungsgesellschaft“
Aber:

  • Reiche starten mit besseren Chancen.
  • Erfolg hängt stark davon ab, in welche Familie man geboren wird.
  • Viele Reiche haben ihr Vermögen geerbt, nicht erarbeitet.
  • Scheitern ist leichter zu verkraften, wenn man Geld im Hintergrund hat7

Und was hat das mit der Klimakrise zu tun?

  • Die reichsten 1 Prozent verursachen besonders viele CO₂‑Emissionen.8
  • Arme Menschen leiden aber am stärksten unter den Folgen wie z.B. Hitzewellen.

Was verstärkt die Ungleichheit?

In Deutschland wird Arbeit stark besteuert, Vermögen dagegen sehr wenig.
Früher war das anders:9

  • Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es hohe Vermögenssteuern.
  • Heute gibt es keine Vermögenssteuer mehr.
  • Die Erbschaftssteuer ist niedrig und hat viele Ausnahmen für große Vermögen.

Wie sieht es mit Spenden und Stiftungen aus?

  • Reiche spenden im Verhältnis weniger als arme Menschen.
  • Mit Stiftungen können Reiche selbst entscheiden, wofür Geld ausgegeben wird – auch wenn es nicht im Interesse aller ist.
  • Das kann zu einer Art „neuem Feudalismus“ führen: Reiche bestimmen über gesellschaftliche Themen.10

Was bedeutet das für uns?

Um die Demokratie zu stärken und Ungleichheit zu reduzieren, sollte:

  • Die Vermögenssteuer wieder eingeführt werden.
  • Die Erbschaftssteuer für große Vermögen angehoben werden.
  • Entsprechend sollten Parteien, die sich gegen solche Steuern sperren und damit die Ungleichheit verstärken, nicht gewählt werden.

  1. „Große Vermögen sind große Macht. Demokratie wiederum ist die Antwort auf die Machtfrage und unser Mittel der Wahl, wie wir Macht gerecht verteilen wollen. Demokratie sagt eine Stimme pro Nase, und nicht eine Stimme pro Euro Vermögen.“
    MARLENE ENGELHORN
    Marlene kommt in die KlimaKneipe: Wer zahlt für die Zukunft? KlimaKneipe mit Marlene Engelhorn – KoalaKollektiv
    ↩︎
  2. z.B. die Stiftung Familienunternehmen. Hört sich an nach Handwerksbetrieben und Dorfbäckereien ist aber ein mächtiger Lobbyarm der deutschen Milliardärsfamilien.
    „Die Stiftung müsste eigentlich »Lobbyverband deutscher Oligarch:innen« heißen, aber dann würden ihre Mitglieder vermutlich nicht mehr so oft in Talkshows eingeladen und seltener Termine mit Minister:innen bekommen.“
    „Tatsächlich besteht das Kuratorium aus Vertretern großer Unternehmen, aus Superreichen und Vermögensverwaltern. In ihrer politischen Arbeit konzentriert sich die Stiftung vor allem darauf, die stärkere Besteuerung von Reichtum abzuwehren (Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer).“
    LOBBYPEDIA
    ↩︎
  3. „Die hohe Ungleichheit bei privaten Vermögen führt dazu, dass viele Menschen – und wir reden nicht von wenigen, sondern wir reden von knapp 40 Prozent der Haushalte – keinen Sicherungsmechanismus haben, um auf Krisen zu reagieren. Wenn auf einmal die Energiekosten explodieren oder die Lebensmittel 30 Prozent teurer werden, sind das Krisen, auf die viele Menschen nicht vorbereitet sind. Weil sie eben nicht die privaten Ersparnisse haben und auch weil der Sozialstaat eben nicht alles absichern kann. Und deshalb ist diese große Ungleichheit bei privaten Vermögen ein soziales und ein wirtschaftliches Problem in Deutschland.“
    MARCEL FRATZSCHER, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin
    ↩︎
  4. „Das fängt ja schon in jungen Jahren an: Wenn man in den Parteien was werden will, muss man durch die Juso, Juli, Junge Union oder Grüne Jugend, und das können die meisten nur machen, wenn sie studieren und nicht drei Jobs nebenher machen müssen oder noch eine Ausbildung oder ähnliches, was meistens davon abhängt, ob die Eltern einem Geld geben oder nicht. Und dafür gibt es gar kein Bewusstsein im politischen System.“
    YANNICK HAAN, Autor des Buchs: Enterbt uns doch endlich! Wie das Erben meine Generation zerreißt, Trabanten Verlag Berlin
    ↩︎
  5. 81% der Abgeordneten im Bundestag sind Akademiker, es gibt nur 6 Handwerker. Und Frauen sind auch unterrepräsentiert: 204 von 630 Abgeordneten.
    ↩︎
  6. In vielen anderen Ländern gibt es offizielle Daten zur Verteilung der Vermögen und zum Immobilienbesitz. Nicht so in Deutschland: „Wir wissen nicht, wie viel Deutschlands Milliardäre wirklich haben. Wir wissen noch nicht mal, wer sie sind. Weil der Staat sich entschieden hat, diese Daten nicht vernünftig zu erheben und auch der Forschung nicht zur Verfügung zu stellen. Wir haben lange recherchiert zu der Liste des Manager Magazins, die großartig ist. Die Kolleg:innen haben da eine großartige Arbeit geleistet. Aber dann stellt man eben fest, dass ganz vorne Namen fehlen. Wenn man nachrechnet und noch mal neu schätzt, dann stellt man fest: Oh, allein die Milliardär:innen haben vielleicht eine Billion mehr, als wir bislang dachten.“
    JULIA FRIEDRICHS, Autorin von: Crazy Rich, Piper
    ↩︎
  7. „Für mich ist es eine krasse Leistung, wenn Alleinerziehende einen Teilzeitjob an der Kasse haben und sich daneben noch um drei Kinder kümmern. Das scheint aber nicht gemeint zu sein, wenn gesagt wird, Deutschland ist eine Leistungsgesellschaft.“
    NEPOMNYASHCHA, Nepomnyashcha, Natalya / Ryland, Naomi (2024): Wir von unten. Wie soziale Herkunft über Karrierechancen entscheidet, Ullstein
    – Die reichsten Deutschen stammen zumeist aus Familien, die schon seit Generationen reich sind.
    – Viele der großen Vermögen haben eine dunkle Vergangenheit, unter anderem durch Zusammenarbeit mit den Nazis. Sie ist bis heute wenig aufgearbeitet worden.
    – Auch heute noch wird Vermögen durch Ausbeutung und Umweltverschmutzung vergrößert, meist auf Kosten der Menschen im Globalen Süden.
    – Wir sind keine Leistungs-, sondern eine Erbengesellschaft. Wo jemand in der Gesellschaft steht, hängt vor allem davon ab, in welche Familie er oder sie hineingeboren wurde.
    – Ein Unternehmen zu gründen und Investor:innen zu finden ist viel einfacher, wenn man schon Geld hat.
    – Nicht alle können es sich leisten zu scheitern. Risikobereitschaft ist leichter, wenn man weich fällt.
    ↩︎
  8. „Wir sagen ja immer, die Klimakrise sei menschgemacht. Ja, wir sind alle an der Klimakrise schuld, aber nicht alle gleich viel: Ein Prozent der Menschheit ist für mehr als doppelt so viele Treibhausgasemissionen verantwortlich wie die ärmere Hälfte.“
    LOUISA SCHNEIDER, Grad jetzt: Warum wir die Hoffnung nicht aufgeben dürfen – eine Reise zu den Klimabrennpunkten unseres Planeten, Knesebeck
    ↩︎
  9. „Es gibt kein Land der Welt, das Arbeit stärker und Vermögen geringer besteuert als Deutschland. Und das ist ein Problem.“
    MARCEL FRATZSCHER
    Besteuerung nach dem zweiten Weltkrieg und heute
    Vermögensteuer
    Ab 1946 gab es eine Vermögensteuer von 1 bis 2,5 Prozent für natürliche Personen und von sogar 2 bis 2,5 Prozent für juristische Personen. Diese Steuer wurde 1949 auf 3 Prozent erhöht, und ab 1952 wurde mit dem Lastenausgleich massiv umverteilt: Die Vermögen oberhalb eines Freibetrags wurden mit einer Abgabe von 50 Prozent besteuert, die bis 1979 in Raten entrichtet werden konnte. Zudem gab es weiterhin eine reguläre Vermögensteuer, die allerdings ab Ende der 1970er-Jahre gesenkt wurde und dann nur noch bei 0,5 bzw. 0,7 Prozent lag. 1995 erklärte das Bundesverfassungsgericht die damalige Ausgestaltung der Vermögensteuer für verfassungswidrig, weil unterschiedliche Arten von Vermögen unterschiedlich behandelt wurden, was dem Gleichheitssatz des Grundgesetzes widerspricht. Die damalige Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl setzte die Vermögensteuer daraufhin aus. Bis heute wurde diese nicht reformiert.
    Einkommensteuer
    Nach dem Krieg lag der Spitzensteuersatz in Deutschland für kurze Zeit bei 95 Prozent, und er galt für Einkommen über 250.000 D-Mark. Ab 1955 betrug der Spitzensteuersatz nur noch 66,45 Prozent und wurde dann sukzessive immer weiter gesenkt. Im Jahr 2000 lag er bei 50 Prozent, seit 2005 liegt er bei 42 Prozent, die bereits bei einem Einkommen ab knapp 70.000 Euro fällig werden. Erst ab einem Einkommen von rund 280.000 Euro kommen nochmals 3 Prozentpunkte als sogenannte Reichensteuer hinzu.
    ↩︎
  10. Die Spendenbereitschaft nimmt nach oben hin ab: Reiche geben proportional weniger von ihrem Vermögen als die, die sehr wenig haben. Wenn Reiche über Stiftungen oder anderweitig philanthropisch wirken, bedeutet das, dass sie Themen setzen können. Reiche spenden tendenziell für Themen, die ihnen selbst ein Anliegen, aber nicht unbedingt im Sinne der Allgemeinheit sind.
    Wenn Reiche darüber entscheiden, wie das Gemeinwesen aussehen soll, ist das kein Fortschritt, sondern Neofeudalismus, eine Reise in die vordemokratische Vergangenheit. ↩︎

Alle Zitate stammen aus: Sebastian Klein: Toxisch reich; Warum extremer Reichtum unsere Demokratie gefährdet, oekom